Globalisierte Ignoranz: Warum man den Regenwald so nicht retten kann
Amazonas: Zum Abholzen verdammt
Von Friedrich Helmke, 01.08.2019
Die Nachricht,
dass die Abholzrate des Amazonas sich im Vergleich zum Juni 2018 um 80% erhöht
hat, hätte zu keinem unpassenderem Zeitpunkt kommen können. Die brasilianische
Regierung hatte gerade erst Kritik aus Deutschland besänftigt und sich damit weitere
Milliarden für den Amazonas-Fonds gesichert.
Am selben Tag
wurde eine Rekordmaisernte und die Zulassung von 51 neuen Pestiziden gemeldet.
Das alles in stöβt Brasilien normalweise auf genauso wenig Interesse wie der
Dollarkurs in Deutschland. Aber diesmal hat die Abholzstatistik endlich etwas mehr
Aufmerksamkeit erregt, weil Bolsonaro meinte, man sollte „solche Lügen nicht
veröffentlichen“, denn das bedeute „negative Schlagzeilen über Brasilien“.
Seine Regierung
hat ein schweres Erbe angetreten. Mama Staat hat vor allem zwei groβe
Sorgenkinder zu stillen, die üppigen, oft absurden Gehälter des aufgeblähten
öffentlichen Dienstes zum einen, und zum anderen die Zahlungen zur Rettung der bankrotten
Rentenkasse. Ein ungerechtes und veraltetes System, in dem viele länger Rente
erhalten als sie je gearbeitet haben.
Es ist ganz
normal, dass Gemeinden 80% ihres Budgets für Personalkosten inclusive Pensionen
ausgeben. Da bleibt also nicht viel für Erziehung, Polizei, Gesundheitswesen
und schon gar nicht für Umweltpolitik übrig.
Die Krise von 2008 ist bis heute nicht überwunden. Die damalige linke
Regierung hatte die erfolgreiche linksliberale Wirtschaftspolitik aufgegeben
und auf Groβunternehmen gesetzt, auf National Champions.
Aber Hunderte von
Millionen für ein einmal benutztes Fuβballstadium in Manaus und Milliarden für das
Megawasserkraftwerk Belo Monte, mitten im Urwald, retten weder den Amzonas noch
die Wirtschaft. Der Erfolg war der gleiche wie in Angola und anderen
afrikanischen Ländern. Eine Korruption unbekannten Ausmaβes hat das Land ausgeblutet
und die Politik gelähmt. Zum Glück sitzen jetzt einige der Drahtzieher hinter
Gitter.
Das einzige aber,
was stetig wächst, ist die Landwirtschaft, Big Agriculture, und die lässt sich
genauso wenig einschränken wie die deutsche Auto- und Chemieindustrie. Schon
gar nicht, wenn der Staat eigentlich pleite ist und dringend Steuern braucht.
Schon die Präsidentin Dilma Rousseff stolperte über dieses Problem und wurde deswegen
impeached. Kein Wunder also, dass man auf das Einkommen aus der Landwirtschaft auf
keinen Fall verzichten kann.
Der geht es
prächtig, Genmais und Gensoja werden auf Teufel-komm-raus angebaut und
exportiert. Vor allem blüht aber auch die Rinderzucht, und für die
freilaufenden Tiere ist „nur noch ein
bisschen“ Erweiterung der Weideflächen in den Urwald hinein bedauerlicherweise
unwiderstehlich. Man argumentiert, dass
Brasilien ja immerhin immer noch zu 65% aus Wald besteht, im Gegensatz zu
Deutschland mit 35% und Österreich mit 50%.
Uberhaupt hört man oft die Entschuldigung , dass „der
Amzonas uns gehört“, alles andere wird traditionell als imperialistisches Gehabe
und Bevormundung von Seiten der ehemaligen Kolonialmächte in Europa
dargestellt. Gegen solche Argumente kommt man nur sehr schwer an! Dazu kommt,
dass der Klimawandel in Brasilien praktisch nicht spüren ist. Die Arktis ist
eben sehr, sehr weit weg.
Wörter wie „Climate
Change“ und „Klimaschutz“ kommen in den portugiesischsprachigen Medien äuβerst selten
vor. Die Brasilianer orientieren sich sowieso leider eher an den USA als an
Europa. Diese Ignoranz führt dann zu Aussagen wie, “die Europäer haben ihre
Wälder abgeholzt, und jetzt wollen sie, dass wir den Amazonas retten”.
Aber als Weltklimaretter
wollen sich die Brasilianer absolut nicht verstehen. Man muss ihnen in gewissen
Sinne sogar fast irgendwie recht geben, denn den Klimawandel haben die
Industriennationen auf der nördlichen Halbkugel zu verantworten. Diese bekommen
jetzt ihr CO² nicht in den Griff, verlangen aber gleichzeitig, dass Brasilien es
am Amazonas abbaut.
2019 brannten in
der Arktis fast 500.000 km² ab, das entspricht 10% des Amazonas-Regenwalds! Die
Rauchwolke dehnt sich auf 4,5 Millionen km² aus, das ist fast so groβ wie das
gesamte Amzonasgebiet. Diese Brände sind aber keine unabdingbare Naturkatastrophe,
sondern werden durch die Erhitzung der Arktis ermöglicht, also durch den
CO²-Ausstoβ der Industrie. Und dahinter steckt leider die selbe Ignoranz wie beim
Brandroden.
Mit Bolsonaro verfolgt
Brasilien also weiterhin eine Umweltpolitik, die das Abholzen aus
wirtschaftlichen Gründen nicht stoppen will. Der einzige Unterschied ist, dass er
es ehrlich zugibt, anstatt wie die anderen vorzugeben, alles zu tun, um die
Verwüstung zu stoppen, nur um das Gesicht zu wahren und weiterhin Milliardenhilfen
für den Amazonas aus Deutschland und Norwegen zu erhalten.
Wirtschaftsminister
Paulo Guedes soll die Wirtschaft wieder in Gang bringen, wenn das im Gewirr von
Gesetzen und Vorschriften überhaupt möglich ist. Er ist aber ein Visionär, wenn
auch nicht so, wie wir uns das vorstellen, und hat den Wert des Urwalds voll
erkannt. Beim Besuch in Manaus hatte er die Idee, hier eine gobale
Sauerstoffbörse zu gründen. Die nördlichen Industrieländer produzieren zuviel
CO2, hier gibt es Sauerstoff im Überfluss, warum nicht Kapital daraus schlagen?
Aber ansonsten denken
die meisten Brasilianer nicht global, deshalb bringt Kritik nicht viel. Ignoranz
bekämpft man besser mit Information und Erziehung. Dazu kann man praktische
Schritte unternehmen. Die Deutsche Botschaft in Brasilia hat z.B. vor kurzem eine
Gruppe junger Abgeordneter nach Berlin eingeladen, damit sie sich ein Bild
davon machen können, wie Umweltschutz bei uns läuft. Sie kamen fasziniert von
dem, was sie gelernt haben, nach Brasilien zurück.
Neben Paulo
Guedes, der in Chicago studiert hat, gibt es eine neue Generation, die Englisch
kann. Sie ist deshalb mehr globalisiert, hat Zugriff auf mehr Information und
versteht, was im Rest der Welt vor sich geht. Die ganze Hoffnung liegt also bei
dieser Gruppe verantwortungsvoller junger Menschen. Genau wie in Deutschland
weiβ auch hier die junge Generation, dass die Zukunft von ihnen abhängt. Wir
müssen sie mit all unseren Kräften unterstützen.
Wir müssen
darüber nachdenken, was wir am Besten für sie tun können. Biobauern nach
Deutschland einladen, den Studenten die Unversitäten öffnen, Stipendien für
Masterabschlüsse anbieten und jungen Menschen, die sich für die Umwelt
engagieren, die Türen aufmachen und weiter junge Politiker nach Deutschland
einladen. Deutsche Klimaaktivisten sollten Vorträge an brasilianischen
Universitäten und Parlamenten halten.
Die deutsche Botschaft
hat gute Arbeit geleistet, das hat funktioniert, das war ein lobenswerter Anfang.
Und was die deutschen Milliardenhilfe an den Amazonasfonds angeht, so sollte
man sie nicht aufgeben, aber man muss jeden Cent, der in Brasilien investiert
wird, auf’s Genauste kontrollieren und zusehen, dass nichts sinnlos oder
böswillig abgezweigt sondern sinnvoll verwendet wird. Im Land der laschen
Gesetzesanwendung wird Härte nämlich respektiert.
Im modernen Südosten
Brasiliens wird Umweltschutz inzwischen ziemlich ernst genommen und nach und
nach umgesetzt. Vom Atlantischen Urwald z.B., der einst die gesamte
Atlantikküste Brasiliens bedeckt hat, sind nach 500 Jahren noch 5% übrig. Dieser
Rest wird aber mittlerweile äuβerst erfolgreich geschützt. Hier gibt es also
viele offene Ohren. Wir müssen unbedingt mit allen Mitteln diejenigen stärken, die die
Idee der Nachhaltigkeit in den Rest dieses riesigen Landes bringen können.
copyright 2019 Friedrich Helmke
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